Medizinische Kompetenz am geeigneten Ort

Am Anfang steht die Frage, welche Versorgung ein Mensch tatsächlich benötigt. Krankenhaus und Pflegeeinrichtung könnten ihre Leistungen so verbinden, dass geeignete Behandlungen im vertrauten Umfeld stattfinden. Voraussetzung wären eine verlässliche ärztliche Verantwortung, qualifizierte Pflege und ein sicherer Zugang zur stationären Versorgung, sobald diese erforderlich wird.

Ein deutscher Pilot: VirtualWard

Das vom Innovationsfonds geförderte Projekt VirtualWard von Asklepios und weiteren Partnern, darunter Doccla, setzt nach der Erstbehandlung in der Notaufnahme an. Geeignete Bewohner werden verwaltungstechnisch im Krankenhaus aufgenommen und in ihrer Pflegeeinrichtung weiterbehandelt. Pflegekräfte vor Ort werden dabei telemedizinisch durch das Krankenhaus begleitet. Vitaldatenübertragung und tägliche Video-Visiten unterstützen die Betreuung. Zur Projektbeschreibung des G-BA

Projektstatus laut G-BA: laufend, Mai 2025 bis April 2027. Versorgungswirkung und Wirtschaftlichkeit werden untersucht. Quellenstand: 21. Oktober 2026.

Was internationale Erfahrungen beitragen

Studien aus Frankreich und Kanada liefern Hinweise, dass gezielte geriatrische Betreuung und definierte Behandlungspfade im Pflegeheim Krankenhausaufnahmen verringern können. Die Ergebnisse gelten für die jeweils untersuchten Patientengruppen und Leistungen. Sie sind eine fachliche Grundlage für die Weiterentwicklung, während die Übertragbarkeit auf Deutschland geprüft werden muss.

Studienergebnisse und Grenzen

GERONTACCESS: geriatrische Telebetreuung in Frankreich

Die cluster-randomisierte Studie von Gayot und Kollegen umfasste 426 Bewohner. Innerhalb von zwölf Monaten erlebten 23,4 Prozent unter dem Telemedizinprogramm mindestens eine ungeplante Krankenhausaufnahme, gegenüber 32,5 Prozent unter üblicher Versorgung. Untersucht wurde ein Programm mit geriatrischen Beurteilungen und regelmäßiger Verlaufskontrolle. Der Befund betrifft den Anteil betroffener Bewohner; er ist keine allgemeine Aussage über alle Krankenhausaufnahmen oder sämtliche Formen der Telemedizin.

Gayot et al. (2022), BMC Geriatrics 22:991. GERONTACCESS, DOI 10.1186/s12877-022-03575-6.

Ein Behandlungspfad für Atemwegsinfektionen in Kanada

Loeb und Kollegen untersuchten 680 Bewohner in 22 Pflegeheimen. Bei Behandlung nach einem definierten klinischen Pfad wurden 10 Prozent ins Krankenhaus aufgenommen, gegenüber 22 Prozent unter üblicher Versorgung. Die Intervention umfasste Diagnostik, Behandlung und engmaschige Überwachung vor Ort. Die Ergebnisse beziehen sich auf Pneumonien und andere untere Atemwegsinfektionen sowie die dafür bereitgestellten Ressourcen.

Loeb et al. (2006), JAMA 295:2503–2510. DOI 10.1001/jama.295.21.2503.

Optimal@NRW: die Umsetzung bleibt entscheidend

Im deutschen Projekt Optimal@NRW gelang der Aufbau einer telemedizinischen Netzwerkstruktur. Eine Verringerung der Krankenhausbehandlungen konnte jedoch nicht belegt werden. Der G-BA leitete im März 2026 positive Teilergebnisse weiter; für das Gesamtmodell sprach er keine Empfehlung zur Überführung in die Regelversorgung aus. Die Wirksamkeit einer konkreten Versorgungsorganisation muss deshalb eigenständig geprüft werden.

G-BA (20. März 2026): Positive Teilergebnisse zur Akutversorgung älterer Menschen in Pflegeheimen.

Die weiterführende Gestaltungsfrage

Ein daran anknüpfender Ansatz könnte bereits vor dem ersten Krankenhauskontakt beginnen: Pflegebeobachtungen, hausärztliche Betreuung und geriatrische Kompetenz werden in einem gemeinsamen Versorgungsplan verbunden. Ob sich damit Verschlechterungen früher behandeln und Übergänge vermeiden lassen, wäre gesondert zu untersuchen. Dies ist eine Weiterentwicklungsidee, keine bereits nachgewiesene Wirkung von VirtualWard.

Der Wertbeitrag im Behandlungspfad

Wie verbinden wir Früherkennung, hausärztliche Betreuung und Krankenhauskompetenz so, dass Menschen rechtzeitig am geeigneten Ort behandelt werden?

Maßgeblich wären medizinische Sicherheit, Lebensqualität und Funktion, die rechtzeitige Behandlung notwendiger Akutfälle sowie der gesamte Ressourcenaufwand. Dazu gehört auch die zusätzliche Arbeitsbelastung der Pflegekräfte.

Wie wirken sich aktuelle Vergütungslogiken auf den Behandlungspfad aus?

Eine dauerhafte Zusammenarbeit benötigt Ressourcen für ärztliche Betreuung, zusätzliche Pflege und Koordination. Ein möglicher Zielkonflikt entsteht, wenn eine Einrichtung den Aufwand trägt und der wirtschaftliche Nutzen an anderer Stelle anfällt. Unsere Gestaltungsfrage lautet deshalb: Wie werden die Beiträge zum gesamten Patientenpfad sichtbar und angemessen vergütet?

Zur Vertiefung mit der Einordnung des WIdO